Künstlerinnen in Kronberg

Hedwig Ostertag, Pfingstbörnchen

„Oft hatte er ein ganzes Gefolge von Damen um sich, die sich seine Schülerinnen nannten und bei ihm malten und zeichneten. Wenn man malend hoch über einem Hohlweg saß, hörte man oft unten durch den Weg den Meister mit den Damen kommen, beständig von deren „Herr Burger, Herr Burger“ umschwirrt…“. (Erinnerungen des Burger-Schülers Philipp Franck)
Anton Burger, die Zentrale Gestalt der Kronberger Malerkolonie, hatte in seinem Haus in der Frankfurter Straße eine Malschule eingerichtet, die gerne von Künstlerinnen besucht wurde.
Lockeres Leben in der Künstlerkolonie
Die meisten Malerinnen, die es in der älteren Kunstgeschichte zu etwas brachten, stammten aus Künstlerfamilien (wie z.B. Angelika Kaufmann) und da wurden sie ganz selbstverständlich als ein malendes Familienmitglied akzeptiert. Diese Künstlerinnen blieben auch im Milieu, indem sie wieder Maler oder Kunsthändler heirateten.
Mit dem Berufswunsch Künstlerin hatte eine Frau bis 1918 einen Weg mit vielen Hindernissen zu überwinden. Erst dann wurde es ihnen gestattet, an den staatlichen Akademien zu studieren. Der Anblick eines nackten Modells schickte sich nicht, ebenso war es einer Frau nicht erlaubt, sich in der Öffentlichkeit ohne Begleitung aufzuhalten. Darunter fiel auch das Kopieren in Museen.
Die angehenden Malerinnen waren gezwungen, oftmals kostspieligen Privatunterricht zu nehmen. War eine Künstlerkolonie in der Nähe, so bot sich eine preiswertere und zugleich attraktivere Möglichkeit, die Malerei zu studieren. Dort war das Leben für die jungen Frauen viel freier und ungezwungener, als in der Stadt. Für die Maler-Kollegen waren sie eine willkommene Bereicherung des Landlebens, denn die Damen beteiligten sich gerne an den Theateraufführungen, Musikabenden oder gemeinsamen Malausflügen. Nicht selten fanden Paare zusammen.
Auch wenn die Künstlerinnen ebenso fleißig studierten und malten und sich an den Ausstellungen in Kronberg oder Frankfurt beteiligten, waren sie auch in den Malerkolonien nicht uneingeschränkt angesehen und wurden von ihren Kollegen, Kritikern und vom Publikum häufig nicht ernst genommen und abfällig als „Malweiber“ bezeichnet. Zu den bevorzugten Themen einer Künstlerin gehörte die Porträt- und Stilllebenmalerei, denn diese Genres konnte sie im Hause anfertigen, ohne gesellschaftliche Tabus zu verletzen. Die meisten Malerinnen in Kronberg waren jedoch finanziell durch ihre Familien abgesichert und nicht auf den Verkauf von Bildern angewiesen.
Ida Braubach (1830-1918) wurde in Hanau geboren. Die künstlerische Veranlagung kam von der Mutter, einer Enkelin des bekannten Offenbacher Komponisten Johann André, der zum Freundeskreis von Goethe zählte. Da sich der Vater dem Wunsch der Tochter Malerin zu werden, widersetzte, konnte Ida Braubach erst nach dessen Tod 1862 ein Kunststudium in Offenbach beginnen, das sie später in Paris fortführte. Von einem mehrjährigen Aufenthalt in Kanada zusammen mit ihrem Lebensgefährten, kehrte Ida Braubach als ausgebildete Künstlerin in die Heimat zurück. Durch ihren Vetter Gustav André kam die 45-jährige nach Kronberg und verbrachte die nächsten dreißig Jahre in der Taunusstadt. Die humorvolle Frau wird als weibliches Gegenstück zu Anton Burger beschrieben. 1905 zog Ida Braubach nach Darmstadt, wo sie im Jahr 1918 verstarb.
Kaiserin Friedrich (1840 – 1901) kam nach dem Tod ihres geliebten Mannes Kaiser Friedrich III. nach Kronberg und lebte von 1894 bis 1901 in ihrem Schloss Friedrichshof. Die Kunst spielte eine wichtige Rolle im Leben der Monarchin. „Wenn ich von Beruf nicht Kronprinzessin sein müsste, so wäre ich Malerin.“ Bereits am englischen Hof und dann in Berlin genoss Kaiserin Friedrich eine intensive künstlerische Ausbildung. In Kronberg war Norbert Schrödl, der renommierte Porträtmaler der höheren Gesellschaft, ihr Mallehrer und freundschaftlicher Berater. Kaiserin Friedrich hatte in ihrem Witwensitz ein geräumiges Atelier, in das sie sich regelmäßig nach ihren zahlreichen Verpflichtungen zurückzog, um zu malen. Ihre qualitätsvollen Kunstwerke verschenkte sie meist im Familien- und Freundeskreis. Gelegentlich stiftete Kaiserin Friedrich eines ihrer Gemälde oder Aquarelle für Wohltätigkeits-Ausstellungen. Die malende Kaiserin förderte das Ansehen der in Kronberg ansässigen Künstlerinnen und trug maßgeblich zu deren gesellschaftlichen Anerkennung bei.
Josefine Schalk (1850 – 1919) kam mit zwanzig Jahren von Trier nach Frankfurt und besuchte dort das Städelsche Kunstinstitut als Schülerin von Heinrich Hasselhorst. Dort waren Künstlerinnen eigentlich nicht ausgeschlossen, denn Johann Friedrich Städel hatte in seinem Stiftungs-Brief von 1815 ausdrücklich festgehalten, dass „Kindern ohne Unterschied des Geschlechts“ der unentgeltliche Unterricht an der Kunstschule und die nötigen Unterstützungen zu Gute kommen sollten. Aber dennoch gab es nur zeitweise ein „Maler-Atelier für Frauenzimmer“, in dem sie getrennt von ihren männlichen Kollegen üben konnten. Nach einigen Studienjahren in München kehrte Josefine Schalk nach Frankfurt zurück. Neben Landschaften und Porträts, malte sie Märchenbilder nach den „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“. 1902 kam die Künstlerin nach Kronberg und lebte bis zu ihrem Lebensende in dem sogenannten „Malernest“. Die letzten Jahre wohnte „Tante Schalk“ im Hause des Malers Fritz Wucherer. Josefine war die Tante und Ziehmutter seiner Frau Marie Cleophea Wucherer (1873 – 1957), einer Enkelin des Städel-Bildhauers Johann Nepomuk Zwergers und des Frankfurter Malers Carl Morgenstern. Fritz Wucherer und Marie Cleophea lernten sich in der Malschule von Anton Burger kennen. Nach der Verheiratung gab die Künstlerin das Malen auf.
Minna Roberth (1851 – 1920) war die Tochter des kunstliebenden Frankfurter Arztes und Burgerfreundes Dr. Ernst Roberth. Sie besuchte zunächst einige Jahre die Privatschule des Malers Angilbert Göbel in Frankfurt und wechselte dann von 1890 bis 1897 auf die Burgerschule nach Kronberg. Nach einem Studienaufenthalt in München unter dem ungarischen Akademieprofessor Alexander von Liezen-Mayer kehrte Minna Robert nach Kronberg zurück. Philipp Franck besuchte die ältere Kollegin in der Talstraße. Sie war es, die sein Talent entdeckt und gefördert hatte. „In ihrem Atelier hängen Blatt an Blatt, hoch bis zur Decke hinauf, ihre Studien, meist Kinderköpfchen, auch einzelne Landschaften und figürliche Kompositionen, dazwischen auch Zeichnungen und kleine Bildchen von Burger, von Dielmann und Philipp Rumpf.“ Minna Roberth lebte auch zeitweise in Königstein und dann in Wiesbaden, wo sie 1920 starb.
Pauline Fresenius (1853-1908) begann ihr Malstudium ebenfalls bei dem Frankfurter Künstler Angilbert Göbel. Dieser vermittelte die talentierte Schülerin weiter an seinen Kronberger Malerfreund Anton Burger. Meister und Schülerin verliebten sich und Pauline wurde die dritte Ehefrau des dreißig Jahre älteren Künstlers. Pauline gab das Malen auf und widmete sich, den gesellschaftlichen Gepflogenheiten entsprechend, ganz dem Wohle ihres erfolgreichen Ehemannes.
Bertha Bagge (1859-1939) begann 1884 am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt unter Heinrich Hasselhorst zu studieren. Er unterrichtete die Damen, obgleich er der Auffassung war, dass diese in den Haushalt gehörten. Bertha Bagge setzte ihre künstlerische Ausbildung bei Anton Burger in Kronberg fort. In München erlernte sie die Kunst des Radierens. Danach ließ sie sich wieder in Frankfurt nieder und unternahm von da auch Studienreisen nach Italien oder Paris. Mit den Künstlern der Kronberger Malerkolonie hielt sie freundschaftlichen Kontakt. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, fertigte sie Illustrationen zu Gedichten von romantischen Dichtern an. Eine Erkrankung hinderte sie in den letzten Lebensjahrzehnten an der Ausübung ihrer künstlerischen Tätigkeit.
Paula Stiebel (1862 – 1912) war die Tochter des kunstsinnigen Dr. Friedrich Carl Stiebel aus Frankfurt. Ihm, dem Enkel des wohlhabenden Bankiers Jacques Reiß, der maßgeblich am Bau der Kronberger Eisenbahn und des Kronthaler Kurbades beteiligt war, gehörte die Villa Teutonia in der Hainstraße. Paula Stiebel besuchte die Malschule von Anton Burger. Später engagierte sie sich intensiv im sozialen Bereich und malte dann wohl nur noch zur Entspannung. Mit ihrem Bruder Carl Friedrich reiste sie jedes Jahr ins Tessin und brachte zahlreiche Aquarellskizzen mit nach Hause.
Mathilde Knoop-Spielhagen (1863 – 1904) wuchs im Schloss Mühlenthal in der Nähe von Bremen im Kreise der Großfamilie auf. 1883 ließ sich ihr Vater, der beim Aufbau der russischen Textilindustrie zu großem Reichtum gekommen war, in Wiesbaden als Privatier nieder. Die 20-jährige Mathilde Knoop wurde Schülerin von Anton Burger in Kronberg. Dort lernte sie Dr. Friedrich Spielhagen, den Leibarzt von Kaiserin Friedrich kennen und sie heirateten 1895. Im Garten ihrer Villa Victoria in der Frankfurter Straße hatte sich die Künstlerin ein Atelier eingerichtet, in dem Landschaften, Genrebilder und altmeisterlich anmutende Stillleben entstanden. Nach ihrem frühen Tod in Folge einer Fehlgeburt stellte Dr. Spielhagen ihr Atelier der Kronberger Bildhauerin Hedwig Ostertag zeitlebens zur Verfügung.
Hedwig Ostertag (1877 – 1945) wurde in Kronberg, als Tochter des Leibarztes von Kaiserin Friedrich, geboren. Sie besuchte das Mädchen Pensionats im ehemaligen Kronthaler Kurhaus, das auf Anregung von der Fürstin gegründet wurde und neben adeligen Töchtern, auch bürgerliche Mädchen aufnahm. Ihre künstlerische Begabung zeigte sich in Reiseskizzen, die sie als Gesellschafterin anfertigte. Zur Bildhauerei wurde Hedwig durch den Modesalonbesitzer Otto Heinrich Frank, den Vater von Anne Frank, angeregt. Ihre künstlerische Ausbildung begann Hedwig Ostertag dann um 1900 in der Bildhauerklasse der Frankfurter Städel-Schule. Ein Stipendium ermöglichte den Studienaufenthalt in Paris. Zurückgekehrt arbeitete die Bildhauerin zeitlebens in Kronberg. Ein Atelier stellte ihr Dr. Spielhagen, der Nachfolger ihres Vaters, zur Verfügung. Dort entstanden viele Kinderbüsten. Für die Kronberger St. Peter und Paul Kirche schuf sie ein Relief zum Gedenken an die Kriegsopfer. Den Victoria Park ziert das „Pfingstbörnchen“ und auf dem Friedhof in der Frankfurter Straße sind einige, von ihrer Hand geschaffene Grabmäler zu finden.
Sophie Abbée (1888 – 1977) kam 1908 nach Kronberg und studierte bei dem Burger-Schüler Fritz Wucherer. Die Künstlerin entwickelte die impressionistische Manier ihres Meister weiter und schuf Gemälde mit kräftigen Pinselstrichen und hellen Lichtflecken, in denen sie die momentane atmosphärische Stimmung einfing. Sophie Abée war 1912 die erste Turnwartin der neugegründeten Frauenriege des Männerturnvereins MTV. Außerdem leitete sie viele Jahre lang den Jungmädchenkreis der evangelischen Kirchengemeinde.
Neben diesen bekannteren Künstlerinnen gab es noch viele weitere, die sich für kurze Zeit oder einen Sommermonat in Kronberg für Malstudien aufhielten.

                                                                                              Monika Öchsner

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.