Kaiserin Friedrich als Künstlerin

"Wenn ich von Beruf nicht Kronprinzessin sein müsste, so wäre ich Malerin"

Von der englischen Prinzessin zur deutschen Kaiserin

Victoria Adelheid Marie Luise Princess Royal wurde am 21. November 1840, als älteste Tochter von Königin Victoria von Großbritannien und Irland und Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, geboren. Die Ausbildung der außerordentlich begabten Prinzessin übernahmen die besten Lehrer und Wissenschaftler. Auch Prinz Albert widmete sich nicht nur der politischen Erziehung seiner Tochter, die schon im Kindesalter die englische, deutsche und französische Sprache beherrschte.

Im Jahr 1858 war die Vermählung mit Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen (1831-1888), den ältesten Sohn des späteren Königs Wilhelm I. von Preußen. Die beiden lebten in Berlin im Kronprinzenpalais Unter den Linden und im Neue Palais in Potsdam. Obgleich die Verbindung nach politischen Gesichtspunkten gewählt wurde, kann man von einer Liebesheirat sprechen. Die Kronprinzessin gebar insgesamt acht Kinder, wovon zwei bereits im Kindesalter verstarben.

Das Paar ergänzte sich hervorragend in politischen und gesellschaftlichen Fragen. Beide vertraten eine fortschrittliche und liberale Gesinnung. Victoria übernahm gesellschaftliche Aufgaben im sozialen und pädagogischen Bereich. Sie setzte sich für Reformen und Neuerungen in dem – gegenüber England – rückständigen preußischen Feudalstaat ein und machte sich dabei nicht nur Freunde. Die Förderung der Bildung der Frauen war ihr ein besonderes Anliegen.

König Wilhelm I. von Preußen missbilligte die liberale Gesinnung seines Sohnes und gewährte ihm keinerlei politische Aufgaben oder Mitspracherecht. Dem Kronprinzen wurden lediglich repräsentative Aufgaben zugewiesen. Durch das außergewöhnlich lange Leben von Kaiser Wilhelm I., er regierte bis zu seinem 91. Lebensjahr, konnte Friedrich Wilhelm erst 1888, im Alter von 57 Jahren, als er bereits an einem unheilbaren Kehlkopfkrebs litt, den Thron besteigen. Für die Umsetzung seiner liberalen Ideale blieb keine Zeit mehr, denn bereits nach 99 Tagen Regierungszeit erlag Kaiser Friedrich III. seinem Leiden. Sein erstgeborener Sohn kam als König Wilhelm II. an die Macht und wurde 1871 zum Kaiser ernannt. Seine politischen Ziele waren denen der Eltern entgegengesetzt. So war es verständlich, dass er seine Mutter weit entfernt von Berlin wissen wollte, um jegliche unmittelbare politische und gesellschaftliche Einflussnahme zu verhindern.

Im Herbst 1888 kaufte sich die Witwe, die sich nun im Gedenken an ihren geliebten Mann, Kaiserin Friedrich nannte, das Kronberger Besitztum des verstorbenen Frankfurter Kaufmanns Jacques Reiß, die Villa Schönbusch, samt umliegendem Gelände, und ließ Schloss Friedrichshof erbauen. Das Taunusstädtchen kannte sie von früheren Besuchen im Homburger Schloss, das 1866, mit der Annektierung des Herzogtums Nassaus, in den Besitz der preußischen Hohenzollern gelangt war. Schloss Friedrichshof bewohnte sie von 1894 bis zu ihrem Tod. Das Anwesen, von einer großen Parkanlage mit zahlreichen exotischen Bäumen umgeben, ist heute ein renommiertes, international bekanntes Hotel mit Golfanlage.

In Kronberg widmete sich Kaiserin Friedrich in vielfältiger Weise sozialen und kulturellen Belangen. Sie verbesserte die Infrastruktur, indem sie neue Straßen bauen ließ und den Ausbau des Bahnhofes initiierte. In der Folge ließen sich viele bedeutende und wohlhabende Persönlichkeiten, zumeist aus Frankfurt in Kronberg nieder und bauten sich prachtvolle Villen. Aus dem sehr ländlichen Städtchen wurde eine kleine Residenzstadt.

Kaiserin Friedrich starb 1901 im Alter von 61 Jahren an den Folgen eines langen Krebsleidens. Ihr Leichnam wurde in der Kronberger Johanniskirche aufgebahrt und nach der Einsegnung mit der Bahn nach Potsdam überführt und im Mausoleum der Friedenskirche neben ihrem Mann und ihren Kindern bestattet.

 

Die fürstliche Malerin und Kunstfreundin

Am kunstliebenden englischen Hof wurde die künstlerische Begabung von Prinzessin Vicky erkannt und besonders gefördert. Schon im Alter von 3 Jahren erhielt sie von den Hofkünstlern Unterricht im Zeichnen und Malen. Favorisierter Maler war der deutsche Porträtkünstler Franz Xaver Winterhalter (1805-1873), der einige wunderschöne Porträts von der Princess Royal geschaffen hatte. Zu ihrer musischen Ausbildung zählten auch Bildhauerei und Musik.

Am preußischen Hof in Berlin pflegte Kronprinzessin Victoria weiterhin ihre künstlerischen Ambitionen. 1873 auf der Weltausstellung in Wien lernte die Kronprinzessin den Maler Heinrich von Angeli (1840-1925) kennen. Sie holte den bekannten und beliebten Porträtmaler der höheren Gesellschaft nach Berlin und nahm fortan Kunstunterricht bei ihm. Sein Einfluss machte sich insbesondere bei den Porträts der Kronprinzessin, die sie von ihren Kindern im Stil der Renaissance malte, bemerkbar. Bei einem Besuch in Kronberg, schuf der galante Maler das bekannte Porträt von Kaiserin Friedrich in Witwenkleidung. Auch für die Landschafts- und Aquarellmalerei standen ihr bedeutende Maler zur Seite. Wenig bekannt sind ihre bildhauerischen Fähigkeiten. Eine sehr fein gearbeitete weiße Marmorbüste ihres früh verstorbenen Sohnes Prinz Waldemar, befindet sich im Schloss Friedrichshof.

Durch das Kronprinzenpaar fanden Kunst und Künstler wieder Einzug am militärisch orientierten preußischen Hof. Im Kronprinzenpalais wurden regelmäßige und ungezwungene Zusammentreffen mit Künstlern und Gelehrten veranstaltetet. Bereits 1860 wurde Kronprinzessin Victoria zum Ehrenmitglied der Berliner Akademie ernannt. Und das obwohl noch lange keine Frauen an der Kunstakademie zum Studium zugelassen wurden. Der Auf- und Ausbau des Kunstgewerbemuseums war ein besonderes Anliegen der Kronprinzessin. Die Einweihung des prachtvollen Neubaus von Martin Gropius fand an ihrem Geburtstag am 21. November 1881 statt.

Kaiserin Friedrich war jedoch nicht nur Künstlerin und Mäzenin, sondern auch eine begeisterte Sammlerin von Kunst und Kunstgewerbe. Die noch heute im Schloss Friedrichhof erhaltenen Kunstobjekte zeugen von ihrer großen Sammelleidenschaft.

 

Kaiserin Friedrich und die Kronberger Malerkolonie

Als Kaiserin Friedrich nach Kronberg kam, hatte sie bereits eine umfassende künstlerische Ausbildung genossen. Ihre Kunstwerke übertrafen den üblichen adligen Dilettantismus. In Schloss Friedrichshof hatte sich die Ex-Monarchin ein geräumiges Atelier zur Nordseite hin eingerichtet, in dem sie sich regelmäßig nach ihren zahlreichen Verpflichtungen der Malerei widmete.

Als Künstlerin und Kunstfreundin nahm sie Kontakt zu den Mitgliedern der Malerkolonie auf. Die engste Beziehung hatte sie zu Norbert Schrödl (1842-1912), den sie bereits 1877 in Berlin auf der 50. Herbstausstellung kennengelernt hatte. Seine in Rom entstandenen Arbeiten hatten ihre Aufmerksamkeit erregt und sie besuchte den Künstler in seinem Atelier.

1887 zog der vielgereiste und international bekannte Porträtist nach Kronberg. In dem idyllisch gelegenen Malernest suchte er Abwechslung von der Bildnismalerei und wandte sich Tierstudien zu.

Die prächtige Villa des Ehepaars Schrödl stand in der Hainstraße 18, in unmittelbarer Nähe zum Schloss Friedrichshof. Der „Cronberg-Schwärmer“ stand der fürstlichen Freundin 1888 bei der Suche des Bauplatzes, beim Bau des Schlosses und bei der Inneneinrichtung beratend zur Seite. Auch die Errichtung der Volksbibliothek, die Restaurierung der Burg oder die Errichtung des Kaiser-Friedrich-Denkmals besprach Kaiserin Friedrich eingehend mit dem Künstler. Bei der Renovierung der Johanniskirche tauchten alte Wandmalereien unter dem Verputz auf, die Norbert Schrödl dann restaurierte.

Bald nach dem Einzug in Schloss Friedrichshof nahm Kaiserin Friedrich Malstunden bei dem Künstler. In Schrödls Erinnerungen „Ein Künstlerleben im Sonnenschein“ ist jeder Besuch der Kaiserin festgehalten, ebenso wie die Besuche des Künstlerpaar im Schloss Friedrichshof.

Der seit 1894 mit dem königlich preußischen Professorentitel geehrte Norbert Schrödl, hat das hervorragende Porträt der Kaiserin mit schwarzem Witwenschleier geschaffen, das sich heute im Besitz des Städelschen Kunstinstituts befindet. Weitere Mitglieder der Hohenzollern Familie – wie Kaiserin Auguste oder Wilhelm II – haben sich ein Konterfei von dem Künstler machen lassen. Durch die Vergabe dieser Aufträge wurde der Künstler von der Kaiserin protegiert, was zahlreiche andere Auftraggeber nach sich zog.

Als Kaiserin Friedrich im Mai 1899 das lebensgroße Porträt ihrer Tochter Prinzessin Victoria in Arbeit hatte, kamen Mutter und Tochter häufig in Schrödls Atelier. Zu diesem Zeitpunkt litt die Fürstin bereits unter den Folgen ihres schweren Reitunfalls. Die Erkrankung behinderte sie beim Malen.

Über die Kontakte von Kaiserin Friedrich zu den anderen Kronberger Künstlern ist wenig bekannt. Da sie aber, wie bereits in Berlin, ein offenes Haus für Künstler hatte, kann man davon ausgehen, dass sie die Maler und Malerinnen größtenteils persönlich kannte. Der persönliche Kontakt mit Anton Burger (1824-1905) ist nachweisbar.  

Aus dem exakt geführten Verkaufsbuch von Heinrich Winter (1843-1911), geht hervor, dass Kaiserin Friedrich eine „Stallszene“ von dem Künstler erworben hatte. Die begeisterte Reiterin hat wohl eines ihrer edlen Tiere von dem Pferdemaler porträtieren lassen.

Von Wilhelm Friedenberg (1845-1911) gibt es ein Porträt, das Kronprinzessin Victoria darstellen soll. Nähere Kontakte zwischen Kronprinzessin und Künstler bestanden über den Kronberger „Kriegervereins Germania“, dessen Mitglieder am französischen Feldzug von 1870/71, unter dem erfolgreichen Feldherrn Kronprinz Friedrich Wilhelm, teilnahmen.

Während des deutsch-französischen Krieges kam die Kronprinzessin 1871 erstmals von Homburg aus nach Kronberg, von dort aus betreute sie die umliegenden Lazarette. Während dieses Aufenthaltes hat sie auch den Orientmaler Adolf Schreyer (1828-1899) kennen gelernt, der in seinem Haus in der Hainstraße 11 ein Offizierslazarett eingerichtet hatte. Seine Frau Mary Schreyer wurde vom Kaiser für ihre humanitären Taten mit dem Eisernen Kreuz geehrt. Von der Kronprinzessin erhielt sie eine kleine aquarellierte Zeichnung zur Anerkennung geschenkt.

Der bekannte Historienmaler und Professor Ferdinand Brütt (1849 – 1936) ließ sich 1898 in Kronberg nieder. Nach dem Tod der Kaiserin schuf der Künstler das großformatige Gemälde “Die Aufbahrung der Kaiserin Friedrich in der Johanniskirche” in impressionistischer Manier. Diese für Kronberg so wichtige Historiendarstellung, die sich zeitweise im Besitz des Hohenzollernmuseums in Berlin befand, wurde im 100. Todesjahr der Kaiserin von der Stiftung Kronberger Malerkolonie aus Privatbesitz erworben.

Die künstlerische Neigung von Kaiserin Friedrich förderte das Ansehen der in Kronberg ansässigen Malerinnen und trug zu deren gesellschaftlichen Anerkennung bei. Mathilde Knoop-Spielhagen (1861-1904) hat ein Porträt von Kaiserin Friedrich gezeichnet. Ihr Mann, Dr. Friedrich Spielhagen, war der Leibarztes von Kaiserin Friedrich, der diese auch auf ihren Auslandsreisen begleitete.

Die künstlerischen Fähigkeiten von Kaiserin Friedrich sind in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt und werden in der Regel unterschätzt. Sie hat bei bekannten Meistern studiert und konnte ihre Kunstfertigkeit im Laufe der Jahre beachtlich steigern. Ihre Motive fand Kaiserin Friedrich direkt vor der Natur. Große Kunstfertigkeit hat sie in der Porträt- oder Stillebenmalerei erworben. Moderne Kunstströmungen wie Impressionismus oder Jugendstil hat sie abgelehnt. Die Kunstepoche der italienischen Renaissance schätzte sie besonders, hier sah sie ihren Kunstanspruch verwirklicht.

Die Kunstwerke der Kronprinzessin und Kaiserin waren in Berlin gelegentlich auf Ausstellungen des Vereins Berliner Künstlerinnen zu sehen, den sie damit fördern wollte. Überwiegend schmückte Victoria die eigenen Räume mit ihren Werken oder verschenkte sie im Familien- und Bekanntenkreis. In Kronberg stellte die malende Fürstin ihre Kunstwerke nur für Wohltätigkeitszwecke zur Verfügung. Bei der Veranstaltung „Altfrankfurter Tage“ von 1896, zu Gunsten des Kronberger Krankenhauses und des Frankfurter Künstlervereins organisiert, haben viele Kronberger Künstler teilgenommen. Als Schirmherrin stellte sie drei ihrer Werke aus: ein Motiv aus Kronberg, eine Landschaft aus der Gegend von Trient und ein Blumenstück, die für einen hohen Preis verkauft werden konnten.

Die Verlegung des Witwensitzes von Kaiserin Friedrich nach Kronberg hatte weitreichende Auswirkungen auf den Bekanntheitsgrad des Taunusstädtchens und der Malerkolonie. Mit dem damit einhergehenden gesellschaftlichen und strukturellen Wandel siedelten sich nun eine Reihe von Künstler an, die, nicht mehr nur die Ruhe und ländliche Abgeschiedenheit suchten, sondern der „höhere Gesellschaft“ wegen, für die sie Auftragsarbeiten ausführen konnten.  

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