König von Kronberg

Anton Burger und die Malerkolonie.
Ein Spaziergang durch Kronberg.

Schilderer des Kronberger Alltags

„Ich für meine Person erachte jeden Tag als verloren, den ich nicht in Kronberg verbringen kann. Mein ganzes Leben daselbst liegt vor mir wie ein einziger schöner Frühlingstag, und ich schätze mich reicher als der reichste Mann, obschon ich kein Geld habe. In der Arbeit liegt der Segen, und meine Arbeit ist mir eine ständige Freude. Ich finde in Kronberg auf Schritt und Tritt die schönsten Motive…“

Anton Burger wurde 1824 in der Frankfurter Altstadt geboren. Bereits mit 13 Jahren wurde er als Schüler im Städelschen Kunstinstitut aufgenommen. Nach dem Besuch der Düsseldorfer Akademie ließ sich der junge Künstler 1858 in Kronberg nieder, das er schon seit den 1840er Jahren in den Sommermonaten mit seinen Malerfreunden besuchte. Jakob Fürchtegott Dielmann (1809-1885) lebte bereits dort. Philipp Rumpf (1821-1896) und viele andere Künstler kamen im Laufe der Zeit in das Taunusstädtchen und bildeten eine Malerkolonie. Mit dem Rückzug der Künstler auf das Land hing die Abkehr von der traditionellen akademischen Malerei, aber auch die Entwicklung Frankfurts zu einer industrialisierten Großstadt mit Lärm, Anonymität und sozialen Problemen zusammen. Die Künstler suchten nach ursprünglicher Natur und nach unverdorbenen einfachen Leben. Die Nähe zum Motiv in allen Jahres- und Tageszeiten spielte eine bedeutende Rolle.

Anton Burger hat Kronberg in zahlreichen malerischen Ansichten festgehalten. Die mittelalterliche Burg, die engen Gassen und steilen Treppen sowie die verschachtelten Fachwerkhäuser, boten eine Fülle von Motiven. Auch die dort lebenden Menschen wurden auf der Leinwand bei ihrem alltäglichen Tun und Treiben festgehalten: Bauern auf dem Feld, der Schuster oder Schmied in der Werkstatt, der Jäger im Wald, lustige Zecher in der Apfelweinkneipe oder Besucher Kirchweih. Mit einem fast unerschöpflichen Einfallsreichtum und schnellem Pinselstrich hat Burger eine enorme Fülle an Werken geschaffen. Seine mit zahlreichen anekdotischen Details geschmückten, romantisierenden bäuerlichen Sujets waren beim Frankfurter Publikum sehr beliebt. 

Das Künstlerlokal „Zum Adler“

Als sich Burger um 1858 in Kronberg niederließ, fand er im Gasthaus „Zum Adler“ eine erste Bleibe. Eine Zeichnung von 1846 gibt die Verhältnisse im „Adler“ sehr treffend wieder: Zwei junge Männer streiten sich um eine Bettdecke. Aus Mangel an Geld teilen sich zwei Maler ein schmales Bett und eine Zudecke. Die Situation in der benachbarten Schlafstätte ohne Deckbett ist noch kärglicher. Zwei frierende Freunde kommen angeschlichen, um den vermeintlich Schlafenden das vorgewärmte Federbett zu entführen. Die Diebe haben

jedoch Pech. Anton Burger fährt Philipp Rumpf an die Kehle und schnappt mit der anderen Hand nach dem Bettzipfel. Die Karikatur „Der Kampf ums Deckbett“ ist eines der frühesten künstlerischen Dokumente der Kronberger Malerkolonie. Sie zeigt Burgers zeichnerische Fertigkeit und sein humorvolles Wesen.

Das Gasthaus „Zum Adler“ bot den Malern nicht nur Unterkunft und Verpflegung, hier im „Olymp“ malten sie, hier trafen sie sich zum Diskutierten, Feiern, Tanzen oder Theaterspielen. Das Künstlerlokal war auch von außen als solches kenntlich gemacht. Anton Burger hatte dem Doppeladler statt Zepter und Reichsapfel, Pinsel und Palette in die Krallen gemalt. Den großen Ballsaal schmückten 34, von den Künstlern direkt auf die Wand gemalte, Bildmotive. Im „Adler“ kamen die Maler auch mit den einfachen Kronberger Handwerkern und Obstbauern zusammen.

Ein Gasthaus, mit einem toleranten Wirt oder Wirtin, in dem sich das junge, aufgeweckte Künstlervolk aufhalten konnte, ist von großer Bedeutung für die Entwicklung und den Zusammenhalt einer Künstlerkolonie. Anton Burger hat den „Adlerwirt Renker“ in einem Gemälde festgehalten, das 1869 auf der „Internationalen Kunstausstellung“ in München mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde. Zu Burgers 70. Geburtstag im Jahr 1894 wurde das Gemälde von der Neuen Pinakothek in München erworben. Geichzeitig ernannte man Anton Burger zum Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie und auf Anregung von Franz von Lenbach wurde eine Burger-Ausstellung veranstaltet. Die Verbindungen zu Künstlerfreunden in München, dazu gehörte der Leibl-Kreis oder Wilhelm Busch, hatte Burger bei seinem Studienaufenthalt in den Jahren 1846 – 48 geknüpft und Zeit seines Lebens gepflegt.

Freund und Förderer – Dr. Julius Neubronner

Mit Wilhelm Neubronner (1813 – 1894), der seine Apotheke in der Doppesstraße hatte, pflegte Anton Burger eine enge Freundschaft. Dessen Sohn Dr. Julius Neubronner (1852 – 1932) erwarb im Jahr 1889/90 die Streitkirche, eine nie geweihte katholische Kirche und ließ sie in Apotheke und Wohnhaus umbauen. In der ersten Etage befanden sich die hohen und repräsentativen Wohnräume. Für den Salon hatte Anton Burger, der Patenonkel und väterliche Freund, das Deckengemälde „Amor und Blumenflor“ zum Einzug geschenkt.

Die Familie Julius Neubronner pflegte intensiven Kontakt zu den Malern. Zahlreiche Gemälde von Anton Burger und seinen Malerfreunden hingen an den Wänden. Der passionierte Photograph, hatte von vielen Kronberger Künstlern in ihren Ateliers Stereoskop-Aufnahmen geschaffen. Ein weiteres wertvolles historisches Dokument sind die von Julius Neubronner schriftlich verfassten Erinnerungen an die Maler.[2]

Domizil in der Doppesstrasse

In Kronberg lernte Anton Burger seine zweite Frau Anna Küster (1832 – 1876) kennen. Sie war die Tochter des ehemaligen nassauischen Medizinalrates Küster, der das Kuren im Kronthal ermöglichte. Die beiden heirateten 1859 und zogen zusammen mit Burgers Tochter Anna aus erster Ehe in die Doppesstraße 3. Die gemeinsame Tochter Louise wurde 1862 geboren.

Von der nunmehr bürgerlichen Wohnung in der Kronberger Altstadt sind Zeichnungen von Burger erhalten. Auf einem 1867 entstandenen Blatt sitzt Frau Burger am Klavier, während Tochter Anna singend hinter ihr steht. Die kleine Louise sieht man im Hintergrund am Tisch ein Buch lesen. Die ganze Familie war sehr musikalisch veranlagt. Anna wurde später eine bekannte Opernsängerin. Anton Burger sang gerne beim Malen. Er besaß eine schöne Tenorstimme und seine Frau begleitete ihn am Klavier oder an der Zither. Eine dankbare Zuhörerschaft soll sich an Sommerabenden vor Burgers Fenster in der Doppesstraße versammelt haben, um den Musizierenden zu lauschen.

Die Burg Kronberg

Wie fast alle Kronberger Künstler hat Anton Burger zahlreiche Ansichten von Kronberg mit der bekrönenden staufischen Burg geschaffen. Sehr beliebt war der Blick vom Schafhof aus auf Kronberg, mit dem Altkönig im Hintergrund. Vom Malerwinkel in den Helbigshainwiesen aus eröffnet sich hinter der Burg die weit Mainebene mit Frankfurt.

Von Burger sind auch Detailansichten wie das Burgtor oder die Burgkappelle bekannt.

Als man um 1870 die alte Kapelle wegen Baufälligkeit abreißen wollte, hatte sich Burger sehr für deren Erhalt und Renovierung eingesetzt. Er soll eine Zeichnung mit der Silhouette von Kronberg ohne die Burgkapelle angefertigt und gefragt haben, ob sich Kronberg selbst die Vorderzähne ausreißen wolle. Der Künstler organisierte eine Tombola und die bereitwillig von Malerfreunden gestifteten Kunstwerke wurden verlost und der Erlös für die Renovierung der Burgkapelle bereitgestellt.

Wohnhaus in der Frankfurter Straße

In den 1870er Jahren stand Burger auf dem Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens. Auf Ausstellungen in Frankfurt, München, Wien oder London wurden Gemälde von ihm gezeigt. Wachsender Wohlstand erlaubte es dem Künstler ein stattliches dreistöckiges Wohnhaus in der Frankfurter Straße 21 zu erwerben. Das Grundstück mit baumbestandenem Garten reichte bis zu den Bahngleisen hinab. Burgers zweite Frau Anna erlebte den Einzug 1877 nicht mehr, sie starb ein Jahr zuvor. 

Im ersten Stock des Hauses hatte Burger ein geräumiges fünf Meter hohes Atelier eingerichtet. Der Zeichnung von 1886 kann man entnehmen, dass zahlreiche Gemälde an den Wänden hingen. Vom großen Atelierfenster aus hatte der Künstler einen herrlichen Blick auf die Bergkette und Wiesenhänge seines geliebten Taunus.

Das Burger-Haus entwickelte sich zum neuen Treffpunkt für Maler und Kunstfreunde. Tagsüber Arbeiten und abends Gäste, das war das Motto des vitalen und allseits beliebten Künstlers. In den 1890er Jahren besuchte auch Kaiserin Friedrich (1840 – 1901) den Meister in seinem Atelier.

Im Jahr 1882 wird Pauline Fresenius (1853-1908) die dritte Ehefrau des nunmehr 58-jährigen Anton Burger. Die 29-jährige war seit 1875 seine Schülerin. Nach der Hochzeit gab Pauline das Malen auf. Nur wenn sie Burger zum Jagen begleitete, aquarellierte sie in der Jagdhütte.

Burgers Malschule

Anton Burger war der einzige Kronberger Künstler, der eine Malschule leitete. Auch aus diesem Grund entwickelte sich Burger zur zentralen Gestalt der Malerkolonie. Kunststudenten von nah und fern kamen angereist. Im geräumigen Burger-Haus waren Unterkünfte für einige Maler vorhanden. Zu den bekanntesten Schülern gehörten Lorenz Maas (1845 – 1882), Adolf Chelius (1856 – 1923), Emil Rumpf (1860 -1948), Fritz Wucherer (1873 – 1948), Ferdinand Balzer (1872 – 1916), Philipp Franck (1860 – 1944) oder Nelson Kinsley (1863 – 1945). Letzterer war aus Amerika. Er heiratete 1884 Burgers Tochter Louise.

Tagsüber arbeiteten die Schüler in ihrem Atelier, das sich direkt über dem des Meisters befand. Burger war ein guter, aber auch sehr dominanter Lehrmeister. Philipp Franck, einer seiner bekanntesten Schüler, schilderte sein Leid: „Wenn ich meine Bilder und Studien zu ihm brachte, wurden sie durch seine Korrekturen verburgert. Er malte wohl auch hinein und darüber, was mir entsetzlich war, was ich aber leiden mußte, da er keinen Widerspruch vertrug.“

Bei schönem Wetter wurde auch im Freien gezeichnet und gemalt, denn die unmittelbare Anschauung der Natur war für Burger die Quelle aller Malerei. Immer wieder führte er seine Schüler in Wald und Wiese vor die schlichtesten Motive und verdeutlichte ihnen deren Reize und Schönheit.

Burgers Malschule wurde gerne von Künstlerinnen besucht. Da sie in den Kunstakademien zu der Zeit nicht zugelassen wurden, waren sie gezwungen Privatlehrer zu nehmen. Der „König von Kronberg“, wie Burger von seinen Schülern heimlich genannt wurde, hatte oft ein ganzes Gefolge von „Malweibern“ um sich, wenn er mit ihnen auf Motivsuche durch Kronberg zog. Neben Pauline Fresenius sind die Schülerinnen Berta Bagge (1859 – 1939), Mathilde Knoop-Spielhagen (1861 – 1904), Minna Roberth (1851 – 1920), Josefine Schalk (1850 – 1919) oder Pauline Stiebel (1862 – 1912) besonders zu erwähnen.

Abends dann traf man sich in Burgers Atelier. An den sogenannten „Komponierabenden“ saßen alle um den großen Tisch und zeigten ihre neuesten Studien und Entwürfe, die dann gemeinsam besprochen wurden. Man saß gesellig beisammen oder musizierte in freundschaftlicher Atmosphäre.

Letzte Ruhestätte mit großem Taunusstein

Viele Ehren wurden Anton Burger zu seinem 70. Geburtstag 1894 zuteil. Besonders freute er sich über die Ehrenbürgerwürde, die ihm die Stadt Kronberg verlieh.

Mit zunehmendem Alter verschlimmerte sich Burger Schwerhörigkeit und durch ein Körperzittern konnte er nicht mehr künstlerisch Arbeiten. Am 21. November 1905 starb er im Alter von 81 Jahren und wurde auf dem Friedhof in der Frankfurter Straße beigesetzt. Da er den Taunus so liebte, wählte man als Grabstein einen Felsblock aus dem Taunus.  

Burger-Denkmal am Schillerweiher

Drei Jahre nach Anton Burgers Tod schufen ihm die Kronberger ein Denkmal im damaligen Kaiser-Friedrich-Park. Das Plätzchen am Schiller-Weiher liebte der Künstler besonders. Den Bau des Denkmals hatte Dr. Paul Roediger, ein Freund und Förderer der Kronberger Maler angeregt. In seiner Schönberger Villa waren die Maler gern gesehene Gäste.

Die Bronzebüste von Anton Burger schuf der Münchner Bildhauer Karl Ludwig Sand (1859 – 1947) nach einer 1906 entstandenen Marmorbüste. Die originalen Rehe wurden im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen und 1987 wieder erneuert.

Anton Burger ist nicht als Künstler, sondern als Jäger dargestellt, mit Jägerjoppe und Jägerhut. Von seinen wohlhabenden Freunden Dr. Julius Neubronner, Conrad Binding, Eduard von Grunelius, Baron Otto von Kürter oder Hermann Passavant, wurde der leidenschaftliche Jäger gerne zu Jagdgesellschaften eingeladen. Mit zunehmendem Wohlstand konnte er sich schließlich selbst eine Jagd am Altkönig pachten. Jagdmotive sind ein bedeutender Themenbereich im Oeuvre des Künstlers, die bevorzugt von seinen Jagdfreunden gekauft wurden. Es kam vor, dass diese noch ungemalt im Wald an den Meistbietenden versteigert wurden.

Bei der Einweihung des Burgerdenkmals 1908 hatte sich eine große Zahl an Festgästen im Stadtpark eingefunden.

Das Kronberger Malernest

„…Und einer war immer der Tollste der Tollen,
Der nahm die Schwänke nur aus den vollen.
Aus Frankfurt war er hierher gezogen,
Von Herzen der neuen Heimat gewogen,
Und jeder, der nach ihm eingekehrt,
War freundlichst willkommen an seinem Herd.
Bei Meister Anton gabs neue Sitten,
Denn Alltagsbenehmen ward nicht gelitten.
Ein Künstler mit eigenartigen Gaben
will auch besondere Rechte haben.
Er wünscht sich im Schaffen und Leben und Kleiden
Vom Alltagsphilister zu unterscheiden…“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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